Mittagsstunde von Dörte Hansen

Kurz vor seinem 50ten Geburtstag kehrt Ingwer Feddersen, Hochschullehrer für Archälogie an der Uni Kiel, in das Dorf seiner Kindheit zurück. Brinkebüll ist aber nicht mehr er Ort, in dem er aufgewachsen ist. Es gibt keine Schule mehr, keinerlei Infrastruktur und auch der Dorfkrug, den seine Familie dort betreibt, ist am Sterben. Söhnke Feddersen, de Ole, steht zwar noch jeden Tag hinter dem Tresen, obwohl er kaum noch stehen kann und Ella, sei
die ihn großgezogen habenne Frau, kann zwar immer noch flink Kartoffeln schälen, driftet aber täglich weiter in die Demenz ab. Ingwer hat sich an der Uni ein Sabbatical genommen, um sich um die Beiden, seine Großeltern, 
die ihn großgezogen haben zu kümmern.  Er meint ihnen etwas zu schulden, weil er damals gegangen ist, erst aufs Gymnasium in der Stadt und dann an die Universität. Aber auch er selber steckt in einer Krise, weiß nicht so richtig wie es weitergehen soll. Seit 25 Jahren lebt er mit der Architektin Ragnhild und Claudius in einer WG. Mit Ragnhild lebt er eine unverbindliche, mehr und mehr unbefriedigende, On-Off-Beziehung. 

Soweit die Ausgangssituation. Dörte Hanse ist einer der AutorInnen, die es schaffen, die Geschichten in der Geschichte, so anzureißen, dass sie sich in den LeserInnen entfalten können und weiterarbeiten. Sie beschreibt nicht nur das Dörfersterben durch die Flurbereinigungen, sondern auch, was diese Dörfer, im guten sowie im Schlechten, ausgemacht hat. Dörte Hansen hat einen scharfen Blick und das Talent bildlich zu schreiben, man liest nicht über Marret Ünnergang und die Brinkebüller, man trifft sie.

Mittagsstunde

Autorin: Dörte Hansen

Verlag: Penguin

ISBN: 978-3-328-60003-9

Preis: 22,00 €

Die Welt die meine war – Die 60ziger Jahre von Ketil Bjørnstad

Ketil Bjørnstad erinnert sich nicht einfach an das Jahrzehnt des kalten Krieges, der Mondlandung, der Beatles, er geht zurück in die Zeit. Erzählt von dem fettem, unsicheren Kind, das er war, das Chrustschow  toll findet, aber Kennedy misstraut, weil der einfach zu gut aussieht, zu geleckt ist. Der junge Ketil ist ein Außenseiter. Der Vater ist Sozialist und fördert früh das Politikinteresse des Jungen, die Mutter ist die musisch Begabte, von der er die Liebe zur Musik hat. Beide Eltern fördern sein musikalisches Talent. Obwohl er in einer intakten Familie aufwächst, ist er von der Angst getrieben, dass die Eltern sich trennen könnten. Jung-Ketil hat es insgesamt nicht leicht. Schon sein Übergewicht macht ihn zum Außenseiter, er passt nicht die klassische Männerrolle. Die Mädchen für die er sich interessiert, irritieren ihn genau so sehr, wie sie ihn anziehen. Kindheit und Adoleszens sind wahrlich kein Ponyhof.


Als ich vom Projekt des norwegischen Musikers und Autors Ketil 
Bjørnstad erfuhr, jedem Jahrzehnt seines Lebens einen autobiografischen Roman zu widmen, war meine erste Reaktion: Ach nee, nicht noch so etwas wie Knausgard. Der hatte mich mit seiner Nabelschau furchtbar angeödet, Das ich mich letztlich doch an dieses 830 Seiten starke Werk gemacht habe, hatte in erster Linie damit zu tun, dass ich Ketil Bjørnstad als Autor sehr schätze. Vindings Spiel und Emma, um nur zwei seiner Bücher zu nennen, haben mich tief berührt und genau so ging es mir mit Die Welt die meine war – Die 60ziger Jahre. Ein Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann. 

Die Welt die meine war – Die 60ziger Jahre

Autor: Ketil Bjørnstad 

Übersetzer*innen: Gabriele Haefs, Kerstin Reimers und Andreas Brunstermann

Verlag: Osburg 

ISBN: 9783955101633

Preis: 26,00 €

Fräulein Nettes kurzer Sommer von Karen Duve

Annette von Droste Hülshoff ist 23 Jahre alt, als sie Heinrich Straube, den Freund und Kommilitonen ihres Onkels August von Harxthausens trifft und sie ihre Seelenverwandtschaft erkennen. Gegen eine Heirat sprechen zwei Dinge: Heinrich Straube ist Protestant und er ist arm. Im Großen und Ganzen wäre die gesammelte Verwandtschaft nicht allzu unglücklich Annette in einer standesgemäßen Ehe loszuwerden, denn sie ist schon eine recht Prüfung für die Ihren. Sie schreibt, nicht etwa aus Liebhaberei, sondern aus wahrer Leidenschaft und sie hat Talent, was ihr aber keiner, schon gar nicht die Familie, zugestehen will. Auch sonst ist Fräulein Nette nicht einfach, sie ist intelligent und fügt sich nicht in die geforderte Rolle der Frau. Statt über dem Strickzeug zu hocken geht sie lieber mit dem Breghammer Mineralien sammeln. Sie ist vorlaut, hat eine scharfe Zunge, unter der, unter anderem, Wilhelm Grimm arg zu leiden hat. In Heinrich Straube hat sie einen Unterstützer, einen der ihr Talent erkennt und sie ermutigt. Sie liebt ihn aus tiefsten Herzen, allerdings bleibt sie auch nicht unberührt, als Straubes bester Freund Herr von Arnswaldt ihr Avancen macht.

Karen Duve hat nicht nur ein berührendes Porträt der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff geschaffen, sondern auch eine detaillierte, farbige Beschreibung ihrer Zeit und der Gesellschaft, in die die Schriftstellerin geboren wurde. Es ist geradezu schmerzhaft zu lesen, wie schwer es ihr gemacht wurde, ihr Talent zu entfalten. Kurios, dass all diesen zum Trotze, es ihre Werke sind, die die Zeit über dauert haben, während die ach so ambitionierten Projekte ihrer Onkel, allesamt scheiterten. 

„Fräulein Nettes kurzer Sommer“ ist ein Leseerlebnis, was nicht nur am Kenntnisreichtum der Autorin liegt, sondern auch an dem Ton den sie wählt. Lakonisch, humorvoll und sensibel. Wundervolles Buch.

Fräulein Nettes kurzer Sommer

Autorin: Karen Duve

Verlag: Galiani Berlin

ISBN:978-386971-138-6

Preis: 

In Staub und Asche von Anne Holt

Hanne Wilhelmsens 10. und letzter Fall also. Nun warten wir es einmal ab. Aber zum Buch.

Jonas Abrahamson wurde vor 8 Jahren wegen Mordes an seiner Frau, mit der er in Scheidung lebte, verurteilt. Er hat immer beteuert unschuldig zu sein, doch das Urteil hat er akzeptiert ohne zu kämpfen. Der damalige Ermittler ist dicht davor in Pension zu gehen und hatte immer das Gefühl, obwohl alles wasserdicht schien, dass Abrahamson unschuldig wäre. Als er den vorzeitig Entlassenen trifft, rührt sich sein Gewissen und er bittet Hendrik Holm, Hanne Wilhelmsens Ermittler, sich die Akte anzuschauen. Hanne wiederum glaubt nicht an den scheinbaren Selbstmord einer rechtsradikalen Bloggerin und hat eigentlich wenig Interesse an Abrahamsons Fall … bis sich herausstellt, dass es eine Verbindung zwischen den beiden Fällen gibt.

Ich bin sehr zwei geteilt, was dieses Buch betrifft. Zum einen ist es eine spannende Geschichte, keine Frage. Allerdings hat sie ihre Längen und ein Ungleichgewicht in den Handlungssträngen und so mancher Schlenker auf einen Nebenschauplatz stört die eigentliche Handlung. Was mir außerdem gefehlt hat, war ein klarer Abschluss der Serie. Scheint fast ein wenig, als wenn Anne Holt sich die Möglichkeit für einen 11. Fall doch noch offen hält.

In Staub und Asche

Autorin: Anne Holt

Übersetzerin: Gabriele Haefs

Verlag: Piper

ISBN: 978–492-05697-7

Preis: 22,00 €

Das größere Verbrechen von Anne Goldmann

Thères wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Mit 17 hat sie ein Kind bekommen und wurde von ihren Eltern gezwungen es zur Adoption freizugeben. Jan, besagtes Kind ruft nun an und will seine leibliche Mutter kennenlernen. Frau Sudić, kämpft ebenfalls mit ihrer Vergangenheit, sie hat den Jugoslawienkrieg mit schweren Traumata überlebt. Mittlerweile ist Jan dabei sich einen Platz in Théres Familie zu erobern, auch wenn schnell klar ist, dass er nicht der nette, strebsame Junge ist, nach dem es anfangs aussah.  Als Jans Adoptivvater unter mysteriösen Umständen verunglückt, fällt schnell der Verdacht auf ihn. 

Gewalt, und wie sie Gewalt gebiert, ist das Grundthema von Anne Goldmanns Geschichtenteppich. Die Lebensfäden ihrer Protagonist*innen verweben sich miteinander zu einem Gebilde aus Gewalt, Lüge, Schuld und Erlösung. Anne Goldmanns Sprache ist wundervoll genau und poetisch, ihre Charaktere sind komplex und werden trotz ihrer Brüche nicht bloßgestellt. Anne Goldmann verzichtet darauf ihre Leser zu Voyeuren von Gewaltexzessen zu machen, sie schildert die Verletzungen und wie schwer der Weg, so er denn überhaupt möglich ist, zur Heilung ist. 

Das größere Verbrechen

Autorin: Anne Goldmann

Verlag Argument Ariadne

ISBN 978-3-86754-234-0

Preis: 13,00 €

Kesseltreiben von Dominique Manotti

Auf den ersten Blick haben die Ereignisse nichts mit einander zu tun. Ludovic Castlevieux, ein Mittelsmann für die nicht ganz sauberen Geldgeschäfte, wird der Boden in Montreal zu heiß, nachdem zwei seiner Kollegen ermordet wurden. Er will sich sein Geld von den Caiman Inseln holen und irgendwo neu anfangen. Doch an das kommt er nicht heran. Man hat ihn reingelegt. Er begibt sich nach Paris, wo er sich Hilfe von einem alten Spezi erwartet. Ungefähr zur gleichen Zeit wird ein Manager des französischen Energiekonzerns Ostram in New York verhaftet und mit diversen Anklagen, unter anderem, Bestechung, Koksbesitz und Sex mit Minderjährigen konfrontiert. 

Noria Ghozali, gerade in das Department für wirtschaftliche Sicherheit versetzt, fühlt sich überfordert. Sie ist für diese Art der Arbeit nicht ausgebildet. Trotzdem beginnt sie mit ihren beiden Kollegen zu ermitteln. Schnell stellt sie fest, dass sie zwar eine Menge erfährt und schnell klar ist, wie die Ereignisse zusammenhängen und was noch so bei Ostram vorgeht,  aber dass den Ermittlungsergebnisse von den zuständigen Stellen nicht genügend nachgegangen wird.

So weit in groben Zügen die Handlung von „Kesseltreiben“. Dominique Manotti führt ihre Leser*innen in eine komplexes Geflecht von Lügen, Kriminalität, der Machtlosigkeit der Politik und der Skrupellosigkeit derer, denen es nur um Gewinne und Macht geht. In diesen Kreisen geht man im wahrsten Sinne über Leichen. Wie so oft in Manottis Büchern hat auch diese Geschichte eine reale Vorlage und zwar die Übernahme der Alstrom-Energiesparte durch den amerikanischen Konzern General Electric. Das große Talent von Dominique Manotti besteht darin, komplexe Themen verständlich zu vermitteln und dazu noch eine spannende Geschichte mit interessanten Charakteren zu erzählen.

Fazit: Unbedingt Lesen. 

Kesseltreiben

Autorin: Dominique Manotti

Übersetzerin: Iris Konopik

Verlag: Argument Ariadne

ISBN 978-3-86754-231-9

Preis: 20,00 €

Land der Söhne von Milena Moser

Schauplatz des neuen Milena Moser Romans Land der Söhne ist größtenteils New Mexico. Gìo ist mit seiner 11-jährigen Tochter Sofia auf der Reise zu einem der Orte, an dem er eine besondere Zeit seiner Kindheit verbracht hat. Sein Vater Lou ist gestorben und es ist an der Zeit sich der Vergangenheit zu stellen.

Luigi Bernasconi kommt in den 1940-ziger Jahren mit seiner Mutter in die USA. Schnell gibt er die Hoffnung auf, dass der Vater wie versprochen nachkommt.  Die Mutter hat bald einen neuen Partner und Luigi wird in eine Outdoor Scool nach New Mexico abgeschoben. Hier wird er zu Lou und soll zum Mann erzogen werden. Major Bartlett, der Schulleiter, hat da bestimmte Vorstellungen, die weit über das gewöhnlich und gesellschaftlich akzeptable hinausgehen. Später wird Lou zu einem einflussreichen Filmproduzenten in Hollywood. Er heiratet Tara, die nach dem Scheitern der Ehe mit dem gemeinsamen Sohn Gío in eine Hippiekommune zieht, wo sie ihn sich selbst überlässt, während sie ihr Bewusstsein erweitert und der freien Liebe frönt. Eines Tages ist sie verschwunden und Gío bleibt allein zurück. Die Kommune löst sich auf und Gío wird im benachbarten Pueblo abgegeben, wo er bei der Familie Ortiz lebt, bis sein Vater ihn zwingt wieder zu ihm zu ziehen. Das Verhältnis der Beiden ist  ebenfalls nicht unbelastet, da Papa Lou einige der Vorstellungen, wie Männer zu Männern werden, von Major Bartlett übernommen hat. Gío verlässt seinen Vater so schnell wie möglich, wird Flimarchivar, nimmt den Namen Ortiz an und heiratet den Friseur Santiago, mit dem er die gemeinsame Tochter Sofia großzieht.

Milena Moser entfaltet diese Familiengeschichte, in drei Strängen, einen für jede Generation, jeweils aus der Sicht des Kindes.  So gewaltig die Themen dieses Romans sind,  Missbrauch, Vernachlässigung, künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, um nur einige zu nennen,  ist die Geschichte an keiner Stelle überfrachtet. Die Autorin hat mit scheinbar leichter Hand ein Schwergewicht geschaffen, das in der Erkenntnis mündet:

Es gibt keinen Grund sich für das, was dir widerfahren ist zu schämen. Es ist nicht dein Problem, es ist das Problem dessen, der es dir angetan hat.

Fazit: Wunderbares Buch

Land der Söhne

Autorin: Milena Moser

Verlag: Nagel & Kimche

ISBN 978-3-312-01093-6

Preis: 24,00 €

 

 

Wo Rauch ist von Gudrun Lerchbaum

Der Journalist Can ist tot, angeblich an einem anaphylaktischen Schock gestorben. Seine Ex-Frau, die Buchhändlerin Olga Schattenberg, bezweifelt dies, schon weil Can keine Allergien hatte und gerade an einer sehr gefährlichen Story arbeitete, den Verbindungen des türkischen Geheimdienstes zu Nazigruppen in Österreich und Deutschland. Olga will mehr wissen, ist jedoch durch ihre MS-Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt. Auf der Beerdigung trifft sie den Trauerredner Adrian und lernt durch ihn seine frühere Freundin Kiki kennen, die eine recht gewalttätige Vergangenheit und eine Psychose hat hat. Über Cans Familie versucht Olga an den Laptop des Verstorbenen zu kommen, doch die mauert. Die Eltern wollen Ruhe, die Schwester ist mittlerweile bei den Kartalar gelandet, einer islamistischen Gruppe, die unter anderen, die türkischen Mitbürger im Ausland auf islamkonformes Verhalten hin überwacht. Als auch noch die Polizei sich für den Tod von Can interessiert und herauskommt, dass er auf eine sehr merkwürdige Weise zu Tode kam, wird es brenzelig. Olga, Adrian und Kiki, geraten ins Kreuzfeuer der verschiedenen Fraktionen. Doch nicht nur für sie wird es eng.

Um es gleich vorweg zu sagen. Gudrun Lerchbaum hat da einen Politthriller geschrieben, wie ich ihn mir wünsche. Nah am Zeitgeschehen, spannend, interessant und originell. Sie wählt nicht das klassische Ermittler*innen Team mit einer Hauptfigur und sondern lässt die Geschichte aus den Perspektiven von Olga, Adrian und Kiki erzählen, was den Lesern einen Panoramablick erlaubt. Sie schildert ihre Charaktere sensibel und mit Tiefenschärfe, zeigt sie gleichmaßen in ihrer Verletzlichkeit und Stärke, ohne sich in deren Geschichten zu verlieren und die Handlung zu vernachlässigen. In Lügenland zeigt Gudrun Lerchbaum die Mechanismen des Faschismus auf, die in der Dystopie bereits etabliert sind; in „Wo Rauch ist“ zeigt, die Autorin, wie schnell dieser Umbruch gehen kann, wenn Die an den entsprechenden Schalthebeln, es verstehen gewisse Vorkommnisse zu instrumentalisieren.

Fazit: Unbedingt lesen!

Wo Rauch ist

Autorin: Gudrun Lerchbaum

Verlag: Ariadne

ISBN 978-3-86754-233-3

Preis: 13,00 €

Wer die Goldkehlchen stört von Levi Henriksen

Als der Plattenproduzent Jim zu einer Taufe in Kongsvinger eingeladen wird, hört er die drei Geschwister Thorsen in der Kirche singen und ist von ihrem Gesang fasziniert. Er erfährt, dass die drei früher berühmt waren und auch einige Platten aufgenommen haben. Jim hat die Musikindustrie, in der es mehr und mehr um Vermarktung von Produkten, als um Musik geht, leid und versucht die Drei, alle bereits um die 80, zu überreden eine Aufnahme zu machen. Das gestaltet sich nicht leicht, während die beiden Schwestern Maria und Tamar, nicht wirklich abgeneigt sind, stellt sich Bruder Timoteus quer.
Nach und nach erfährt Jim nicht nur die Geschichte der Thorsen-Geschwister, sondern auch eine Menge über sich. Eine wundervolle Geschichte über Musik, Hoffnung, die Kraft der Liebe und dass es für sie nie zu spät ist.

Levi Henriksen ist einer der wenigen Schriftsteller, der es schafft eine Geschichte über Themen wie Liebe, Hoffnung, Glaube zu schreiben, ohne das kleinste Bisschen kitschig zu werden und seine Leser*innen trotzdem zu Tränen zu rühren. Wer die Goldkehlchen stört ist ein Liebesroman, aber nicht im üblichen Sinne, sondern es ist eine Liebeserklärung an die Vielfalt in der Liebe an sich.

Wer die Goldkehlchen stört

Autor: Levi Henriksen

Übersetzerin: Gabriele Haefs

Verlag: btb

ISBN: 978-3-442-71680-7

Preis: 13,00 €

Sommerklassiker – John Steinbeck

Ich habe es mir zu Fleiße gemacht, immer im Sommer einen Klassiker zu lesen. Diesmal hatte ich noch gar keine Wahl getroffen, als der Favorit dieses Sommers überraschend zu mir kam. Ich las in „Wenn wir zum Ende kommen“ von Kersten Flenter und Bine Monecke und stieß dort auf einen Text, in dem Kersten Flenter auf ein besonderes Kapitel aus „Jenseits von Ende“ eingeht. Das Buch hatte ich vor einigen Jahrzehnten, also in sehr jungen Jahren, gelesen und es hat mich lange begleitet. Der Wunsch es noch einmal zu lesen erwachte und das schrieb ich Kersten Flenter. Der riet mir begleitend dazu „Tagebuch eines Romans“ zu lesen. Das Tagebuch also, welches Steinbeck schrieb, während er am Buch arbeitete. Es war wirklich spannend, dem Autor, sozusagen posthum, über die Schulter zu gucken.

Das erstaunliche ist, dass Steinbeck in „Jenseits von Eden“ jede Regel bricht, die man Schriftsteller*innen mit auf den Weg gibt. So ergeht er sich über Seiten hinweg in Landschaftsbeschreibungen. Das erstaunliche aber ist, dass es nicht langweilt, sondern bereichert. Das liegt natürlich daran, dass da einer Regeln bricht, die er kennt und genau weiß was er tut. Steinbeck beschreibt nicht das Salinastal, er nimmt den Leser und die Leserin mit ins auf Samuel Hamiltons Farm.

Schon beim ersten Lesen hatte das Buch einen tiefen Eindruck hinterlassen, wie großartig es ist, konnte ich erst jetzt erfassen. Dieses wiederum führte dazu, dass ich beschloss, John Steinbeck wird mein Sommerklassiker!

Nun lese ich „Die Reise mit Charlie“. Welches acht Jahre vor dem Tod des Autors entstand. 58-jährig, kaum von seinem Schlaganfall genesen, begibt sich Steinbeck, mit seinem Pudel Charlie als einzigen Begleiter, auf eine Rundreise durch Amerika, um wieder in Kontakt mit seinen Landsleuten zu kommen. Es ist das Jahr 1960 und mitten im Wahlkampf Kennedy/Nixon. Während er in Jenseits von Eden weitschweifig ist und seine Geschichte zwischen fiktivem und biografischem mäandern lässt, beschreibt er hier kurz die einzelnen Stationen und Begegnungen, jedoch nicht weniger gehaltvoll. Auf nicht einmal einer halben Seite entsteht eine Szene von solcher Plastizität, dass es eine Pracht ist.

Aus der Arte Serie „Die große Literatour“ gibt es einen Teil, der sich mit John Steinbeck und „Der Reise mit Charlie“ befasst. Eine sehr gelungene Doku finde ich. Trotzdem sollte man das Buch lesen.