Sommerklassiker – John Steinbeck

Ich habe es mir zu Fleiße gemacht, immer im Sommer einen Klassiker zu lesen. Diesmal hatte ich noch gar keine Wahl getroffen, als der Favorit dieses Sommers überraschend zu mir kam. Ich las in „Wenn wir zum Ende kommen“ von Kersten Flenter und Bine Monecke und stieß dort auf einen Text, in dem Kersten Flenter auf ein besonderes Kapitel aus „Jenseits von Ende“ eingeht. Das Buch hatte ich vor einigen Jahrzehnten, also in sehr jungen Jahren, gelesen und es hat mich lange begleitet. Der Wunsch es noch einmal zu lesen erwachte und das schrieb ich Kersten Flenter. Der riet mir begleitend dazu „Tagebuch eines Romans“ zu lesen. Das Tagebuch also, welches Steinbeck schrieb, während er am Buch arbeitete. Es war wirklich spannend, dem Autor, sozusagen posthum, über die Schulter zu gucken.

Das erstaunliche ist, dass Steinbeck in „Jenseits von Eden“ jede Regel bricht, die man Schriftsteller*innen mit auf den Weg gibt. So ergeht er sich über Seiten hinweg in Landschaftsbeschreibungen. Das erstaunliche aber ist, dass es nicht langweilt, sondern bereichert. Das liegt natürlich daran, dass da einer Regeln bricht, die er kennt und genau weiß was er tut. Steinbeck beschreibt nicht das Salinastal, er nimmt den Leser und die Leserin mit ins auf Samuel Hamiltons Farm.

Schon beim ersten Lesen hatte das Buch einen tiefen Eindruck hinterlassen, wie großartig es ist, konnte ich erst jetzt erfassen. Dieses wiederum führte dazu, dass ich beschloss, John Steinbeck wird mein Sommerklassiker!

Nun lese ich „Die Reise mit Charlie“. Welches acht Jahre vor dem Tod des Autors entstand. 58-jährig, kaum von seinem Schlaganfall genesen, begibt sich Steinbeck, mit seinem Pudel Charlie als einzigen Begleiter, auf eine Rundreise durch Amerika, um wieder in Kontakt mit seinen Landsleuten zu kommen. Es ist das Jahr 1960 und mitten im Wahlkampf Kennedy/Nixon. Während er in Jenseits von Eden weitschweifig ist und seine Geschichte zwischen fiktivem und biografischem mäandern lässt, beschreibt er hier kurz die einzelnen Stationen und Begegnungen, jedoch nicht weniger gehaltvoll. Auf nicht einmal einer halben Seite entsteht eine Szene von solcher Plastizität, dass es eine Pracht ist.

Aus der Arte Serie „Die große Literatour“ gibt es einen Teil, der sich mit John Steinbeck und „Der Reise mit Charlie“ befasst. Eine sehr gelungene Doku finde ich. Trotzdem sollte man das Buch lesen.

 

 

64 von Hideo Yokoyama

64 ist der Codename für einen Entführungsfall aus dem Jahre 1989. Dem Jahr, in dem Kaiser Hirohito nach 64 Jahren im Amt starb. Das entführte Mädchen wurde  nach der Lösegeldübergabe ermordet aufgefunden, der Fall nie geklärt. 14 Jahre später, ein Jahr vor der Verjährung, meldet der Generalinspektor der Polizei aus Tokio seinen Besuch in der Präfektur D, in der das Verbrechen geschah, an. Pressesprecher Mikami soll den Besuch vorbereiten und den Vater des Mädchens überreden den Generalinspektor zu empfangen, dieser lehnt ab, obwohl es eine Neuaufnahme des Falles bedeuten würde. Mikami, der eigentlich Ermittler ist und seine Versetzung zur Pressestelle als Degradierung empfindet, wird neugierig, warum der Vater der Polizei so ablehnend gegenüber steht und stößt auf einen Ermittlungsfehler, der der Öffentlichkeit verschwiegen wurde. Überhaupt ist Yoshinobu Mikami sehr gefordert. Seine eigene Tochter ist nach einem Streit verschwunden. In der Dienststelle wird er mehr und mehr zum Prellbock in Spannungsverhältnis Polizei und Presse und verschiedene Karrieristen versuchen ihn zum Spielball für ihre Intrigen zu machen.

64 wird als Krimi angepriesen ist meiner Meinung nach, aber viel mehr als das. Es ist ein Gesellschaftsbild Japans zwischen Tradition und Moderne. Mit Mikami hat Yokoyama einen Protagonisten geschaffen, der am Rande steht. Er ist Pressesprecher, aber widerwillig, er glaubt als Vater versagt zu haben und gehört auch nicht mehr in die Welt der Ermittler und gerade durch dieses Außenvorsein, hat er einen objektiven Blick.

Anfangs habe ich mich schwer getan und teils gestaltete sich das Lesen, wie ein Waten durch den Sumpf von Lügen und Korruption, in dem Mikami ermittelt und doch habe ich die 768 in vier Tagen durchgelesen, weil es einfach ein sehr gut geschriebener, spannender Roman ist.

64

Autor: Hideo Yokoyama

ISBN 9783037921043

768 Seiten

Atrium Verlag Zürich

Übersetzt aus dem Englischen: Sabine Roth und Nikolaus Stingl

Aufruhr in mittleren Jahren von Nina Lykke

Ingrid & Jan, 25 Jahre verheiratet, 2 nahezu erwachsene Söhne, ein Haus in einem Osloer Vorort, Familie, Urlaub und so weiter. Alles ist da, alles will erhalten werden und eigentlich sollte auch alles stimmen. Doch Ingrid wird täglich unglücklicher in ihrem Beruf als Studienrätin und entwickelt Gewaltfantasien gegen ihren Rektor, gegen die Eltern ihrer Schüler und gegen die Schüler. Ihre eigenen Söhne rauben ihr den letzten Nerv, weil sie einfach nicht ausziehen und der Gatte, der entdeckt plötzlich, dass er seinen inneren Rock’n Roller nie gelebt hat und dass dieser raus will. Da kommt die 35 jährige Hanne gerade recht. Jan beginnt eine Beziehung und zieht nach einer gewissen Zeit aus. Ingrid auch, sie zieht in ihr Auto und lebt erst einmal auf der Garageneinfahrt, dann macht sie sich auf den Weg nach Süden. Tja und Jan und Hanne? Die erwarten ein Kind …

Das ist also ein grober Abriss dessen, was Jan und Ingrid geschieht. Grob in so fern, dass sich in der Kürze nicht die beschreiben lässt, mit welcher Akribie Nina Lykke diese Ehe demontiert und ihre Protagonist*innen in ein neues Leben schickt. Um die Geschichte zu erzählen, nimmt die Autorin die Leser*innen mit in die Erlebniswelt der drei Hauptprotagonist*innen und das macht sie genial und mit sehr schwarzen Humor. Ein Fest!

Aufruhr in mittleren Jahren

Autorin: Nina Lykke

Übersetzerinnen: Ina Kronenberger & Sylvia Kall

Verlag: Nagel & Kimche

Erscheinungsdatum: 19.02.2018
272 Seiten
Nagel & Kimche
Fester Einband
ISBN 978-3-312-01060-8
ePUB-Format
ISBN 978-3-312-01071-4

 

Moonglow von Michael Chabon

Bevor ich etwas zum Inhalt schreibe, muss ich Lob loswerden. Ein großartiges Buch. Schon durch die ungewöhnliche Erzählform ist es außergewöhnlich, noch mehr jedoch durch die Erzählkunst Michael Chabons. Nun aber zum Buch:

Der Autor Michael Chabon sitzt am Sterbebett seines Großvaters und dieser erzählt ihm sein Leben und lüftet das eine oder andere Geheimnis. Dass er im Gefängnis war, und warum, ist kein Geheimnis. Warum er allerdings Wernher von Braun, den er im 2. Weltkrieg gejagt hat, regelrecht zu hassen schien, das schon. Dann ist da noch die Großmutter, schon seit einiger Zeit tot, die durch die Erinnerungen wieder lebendig wird. Ihr Wahnsinn und ihr Charme. Ihre Geschichte, die so einige Ungereimtheiten aufweist. Durchbrochen werden die Erinnerungen des Großvaters immer wieder von Chabons eigenen und von denen seiner Mutter.

Michael Chabon hat seinen Geschichtenteppich in die Form einer Autobiografie gepackt. Geschichten die sich aus unterschiedlichen Erinnerungen speisen, die manchmal nicht wenig von einander abweichen. Wie es halt so ist mit Erinnerungen. Die Geschichte ist auch nicht chronologisch erzählt, denn erinnert wird sich selten kohärent. Allerdings hat es diesen Großvater, in dieser Form, wohl nicht gegeben. Es ist eine Mischung aus Wahrheit und Fiktion, denn die Erinnerungen stammen zum großen Teil aus der Familie des Autors. Allerdings ist es mir beim Lesen völlig gleichgültig gewesen, ob es nun eine wahre Geschichte oder eine erfundene ist. Ich habe mich voller Begeisterung in dieses erzählerische Patchwork ziehen lassen und wäre gerne noch länger geblieben. Michael Chabon ist ein großartiger Erzähler, seine Charaktere sind real, seine Sprache bildhaft, seine Metaphern originell und sicher. Ein Buch, welches ich von ganzem Herzen empfehle.

Übrigens erklärt der Autor vieles in Fußnoten. Normalerweise mag ich Fußnoten nur in Sachtexten und bei Terry Pratchett. Dieses hier fand ich nicht nur wichtig, sondern auch äußerst amüsant.

Moonglow

Autor: Michael Chabon

Übersetzerin: Andrea Fischer

Verlag: Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-05074-5

erschienen am 08.03.2018

Preis: 24,00 €