Das größere Verbrechen von Anne Goldmann

Thères wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Mit 17 hat sie ein Kind bekommen und wurde von ihren Eltern gezwungen es zur Adoption freizugeben. Jan, besagtes Kind ruft nun an und will seine leibliche Mutter kennenlernen. Frau Sudić, kämpft ebenfalls mit ihrer Vergangenheit, sie hat den Jugoslawienkrieg mit schweren Traumata überlebt. Mittlerweile ist Jan dabei sich einen Platz in Théres Familie zu erobern, auch wenn schnell klar ist, dass er nicht der nette, strebsame Junge ist, nach dem es anfangs aussah.  Als Jans Adoptivvater unter mysteriösen Umständen verunglückt, fällt schnell der Verdacht auf ihn. 

Gewalt, und wie sie Gewalt gebiert, ist das Grundthema von Anne Goldmanns Geschichtenteppich. Die Lebensfäden ihrer Protagonist*innen verweben sich miteinander zu einem Gebilde aus Gewalt, Lüge, Schuld und Erlösung. Anne Goldmanns Sprache ist wundervoll genau und poetisch, ihre Charaktere sind komplex und werden trotz ihrer Brüche nicht bloßgestellt. Anne Goldmann verzichtet darauf ihre Leser zu Voyeuren von Gewaltexzessen zu machen, sie schildert die Verletzungen und wie schwer der Weg, so er denn überhaupt möglich ist, zur Heilung ist. 

Das größere Verbrechen

Autorin: Anne Goldmann

Verlag Argument Ariadne

ISBN 978-3-86754-234-0

Preis: 13,00 €

Kesseltreiben von Dominique Manotti

Auf den ersten Blick haben die Ereignisse nichts mit einander zu tun. Ludovic Castlevieux, ein Mittelsmann für die nicht ganz sauberen Geldgeschäfte, wird der Boden in Montreal zu heiß, nachdem zwei seiner Kollegen ermordet wurden. Er will sich sein Geld von den Caiman Inseln holen und irgendwo neu anfangen. Doch an das kommt er nicht heran. Man hat ihn reingelegt. Er begibt sich nach Paris, wo er sich Hilfe von einem alten Spezi erwartet. Ungefähr zur gleichen Zeit wird ein Manager des französischen Energiekonzerns Ostram in New York verhaftet und mit diversen Anklagen, unter anderem, Bestechung, Koksbesitz und Sex mit Minderjährigen konfrontiert. 

Noria Ghozali, gerade in das Department für wirtschaftliche Sicherheit versetzt, fühlt sich überfordert. Sie ist für diese Art der Arbeit nicht ausgebildet. Trotzdem beginnt sie mit ihren beiden Kollegen zu ermitteln. Schnell stellt sie fest, dass sie zwar eine Menge erfährt und schnell klar ist, wie die Ereignisse zusammenhängen und was noch so bei Ostram vorgeht,  aber dass den Ermittlungsergebnisse von den zuständigen Stellen nicht genügend nachgegangen wird.

So weit in groben Zügen die Handlung von „Kesseltreiben“. Dominique Manotti führt ihre Leser*innen in eine komplexes Geflecht von Lügen, Kriminalität, der Machtlosigkeit der Politik und der Skrupellosigkeit derer, denen es nur um Gewinne und Macht geht. In diesen Kreisen geht man im wahrsten Sinne über Leichen. Wie so oft in Manottis Büchern hat auch diese Geschichte eine reale Vorlage und zwar die Übernahme der Alstrom-Energiesparte durch den amerikanischen Konzern General Electric. Das große Talent von Dominique Manotti besteht darin, komplexe Themen verständlich zu vermitteln und dazu noch eine spannende Geschichte mit interessanten Charakteren zu erzählen.

Fazit: Unbedingt Lesen. 

Kesseltreiben

Autorin: Dominique Manotti

Übersetzerin: Iris Konopik

Verlag: Argument Ariadne

ISBN 978-3-86754-231-9

Preis: 20,00 €

Lagom von Göran Everdahl

Der schwedische Radio- und Fernsehjournalist Göran Everdahl will seinen Leser*innen die schwedische Art von Achtsamkeit näherbringen. Er meint, dass nach dem dänischen Hygge-Hype es nun an der Zeit für Lagom ist. Lagom bedeutet in etwa mäßig. Also nicht zu viel und nicht zu wenig. Göran Everdahl ist überzeugt, dass die Schweden prädestiniert dafür sind Maß zu halten, haben sie doch nicht nur fette und fettarme Milch, sondern auch noch eine Fettstufe dazwischen. Ähnlich beim Bier. Er macht seine Lagom-Theorie an verschiedenen, mal mehr, mal weniger informativen Beispielen, mal mehr und mal weniger amüsant fest. Mode, Essen, Künstler. Das Buch ist eine liebenswerte Sammlung von Informationen, Anekdoten, Fakten und Gedanken, die mir teils doch recht bemüht zusammengekramt vorkamen. Trotzdem, es macht Spaß darin zu blättern und ein wenig mehr lagom täte uns wohl alles gut.

Lagom

Autor: Göran Everdahl

Übersetzerin: Gabriele Haefs

Verlag: btb

ISBN: 978-3-442-75795-4

Preis: 18,00 €

Land der Söhne von Milena Moser

Schauplatz des neuen Milena Moser Romans Land der Söhne ist größtenteils New Mexico. Gìo ist mit seiner 11-jährigen Tochter Sofia auf der Reise zu einem der Orte, an dem er eine besondere Zeit seiner Kindheit verbracht hat. Sein Vater Lou ist gestorben und es ist an der Zeit sich der Vergangenheit zu stellen.

Luigi Bernasconi kommt in den 1940-ziger Jahren mit seiner Mutter in die USA. Schnell gibt er die Hoffnung auf, dass der Vater wie versprochen nachkommt.  Die Mutter hat bald einen neuen Partner und Luigi wird in eine Outdoor Scool nach New Mexico abgeschoben. Hier wird er zu Lou und soll zum Mann erzogen werden. Major Bartlett, der Schulleiter, hat da bestimmte Vorstellungen, die weit über das gewöhnlich und gesellschaftlich akzeptable hinausgehen. Später wird Lou zu einem einflussreichen Filmproduzenten in Hollywood. Er heiratet Tara, die nach dem Scheitern der Ehe mit dem gemeinsamen Sohn Gío in eine Hippiekommune zieht, wo sie ihn sich selbst überlässt, während sie ihr Bewusstsein erweitert und der freien Liebe frönt. Eines Tages ist sie verschwunden und Gío bleibt allein zurück. Die Kommune löst sich auf und Gío wird im benachbarten Pueblo abgegeben, wo er bei der Familie Ortiz lebt, bis sein Vater ihn zwingt wieder zu ihm zu ziehen. Das Verhältnis der Beiden ist  ebenfalls nicht unbelastet, da Papa Lou einige der Vorstellungen, wie Männer zu Männern werden, von Major Bartlett übernommen hat. Gío verlässt seinen Vater so schnell wie möglich, wird Flimarchivar, nimmt den Namen Ortiz an und heiratet den Friseur Santiago, mit dem er die gemeinsame Tochter Sofia großzieht.

Milena Moser entfaltet diese Familiengeschichte, in drei Strängen, einen für jede Generation, jeweils aus der Sicht des Kindes.  So gewaltig die Themen dieses Romans sind,  Missbrauch, Vernachlässigung, künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, um nur einige zu nennen,  ist die Geschichte an keiner Stelle überfrachtet. Die Autorin hat mit scheinbar leichter Hand ein Schwergewicht geschaffen, das in der Erkenntnis mündet:

Es gibt keinen Grund sich für das, was dir widerfahren ist zu schämen. Es ist nicht dein Problem, es ist das Problem dessen, der es dir angetan hat.

Fazit: Wunderbares Buch

Land der Söhne

Autorin: Milena Moser

Verlag: Nagel & Kimche

ISBN 978-3-312-01093-6

Preis: 24,00 €